Predigttext aus Anlass des Reformationstages

Auf Einladung von Pfarrerin Kristina Westerhoff  habe ich am Reformationstag in der Auenkirche die Predigt gehalten und anschließend mit Pfarrerin Westerhoff das Abendmahl ausgeteilt. Nachfolgend stelle ich meinen Predigttext zum Nachlesen zur Verfügung.

Predigttext aus Anlass des Reformationstages,

31. Oktober 2015 in der Auen-Gemeinde

Liebe Gemeinde, liebe Frau Pfarrerin Westerhoff,

dafür, dass ich heute hier auf der Kanzel der Auenkirche stehen und die Predigt am 498. Jahrestag der Reformation halten darf, möchte ich Ihnen einleitend ganz herzlich danken. In unserem Vorgespräch dankten Sie mir, Frau Pfarrerin, für meine Bereitschaft zu predigen und begründeten diesen Dank u.a. damit, dass ich ja einige Stunden der Vorbereitung benötigen würde. In der Tat, die brauchte ich, denn eine Predigt zu halten bedarf mehr Vorarbeit, als es eine Parlamentsrede benötigt,  z.B. im November in der Haushaltsdebatte. Dafür ist hier die Aufmerksamkeit des Publikums auch höher, hoffe ich. Zwischenrufe werden hier wahrscheinlich unterbleiben und hinter mir sitzt auch nicht der Präsident mit der Glocke, der auf meine Redezeit achtet. Jetzt wird sich der eine oder andere fragen, ob denn scherzhafte Bemerkungen in einer Predigt er­laubt seien. - Ja, sind sie, denn ich halte es da mit Luther, der gesagt hat. “Wenn Gott keinen Spaß verstünde, möchte ich nicht im Himmel sein.“  

Aber es hat gut getan, sich einmal wieder vertieft mit unterschiedlichen Bibel­übersetzungen zu beschäftigen, den Text der Heiligen Schrift mehrfach intensiv zu lesen und auf sich wirken zu lassen. Vielleicht ist das eine Anregung an den einen oder anderen, vielleicht sollten wir das öfter machen, nicht nur zur Vor­bereitung auf eine Predigt.

Ich darf über die Seligpreisungen heute zu Ihnen reden, wir haben die Lesung aus dem Matthäusevangelium im Kapitel 5 ja eben schon gehört. Margot Käß­mann nannte auf dem Kirchentag 2011 in einer Bibelarbeit die Seligpreisungen einen der schönsten Texte der Bibel. Andere nennen sie das Grundgesetz Jesu. Sie sind Auftakt der Bergpredigt und führen uns zum Vater Unser. Heute würde man wohl sagen, Jesu habe eine programmatische Rede mit zentralen Forde­rungen und Kernbotschaften gehalten.

Damals wie heute stellen die Seligpreisungen irdische Grundsätze auf den Kopf, letztlich sind sie geradezu revolutionär, und genau das macht die Auseinander­setzung mit ihnen so faszinierend.

Arme, Leidende, Verfolgte, Gerechtigkeit, Frieden: Allein diese Aufzählung von Begriffen aus den Seligpreisungen zeigt ihren politischen Ansatz.

Was kann uns diese Textstelle heute über die Lehre Jesu vermitteln, wie kann sie im Alltag helfen? Kann sie Richtschnur sein oder Kompass, der einem Chris­ten zeigt, wo die richtige Richtung ist, um die enge Tür des Lebens am Ende des anstrengenden Weges zu nehmen, um ein anderes Wort Jesu aus dem Matthäus­evangelium aufzunehmen?

Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen! -

So lautet eine Seligpreisung. Doch wie wird man „reinen Herzens“? Dabei ist mit Herz im Jüdischen nicht das Körperorgan selbst gemeint, sondern das Den­ken, das Fühlen und letztlich das daraus resultierende Handeln eines Men­schen. Jedenfalls erreichen wir die „Reinheit“ nicht durch den Kauf von Ablass­briefen, das ist uns spätestens seit dem 31. Oktober 1517 klar. Deshalb lautet auch die 44. von den 95 Thesen Luthers: Denn durch das Werk der Liebe wächst die Liebe und der Mensch wird besser. Die Reinheit menschlichen Den­kens und Handelns kann jedenfalls durch Reflektieren, durch eigenes Hinterfra­gen und auch durch Bedenken der jeweiligen Konsequenzen erreicht werden. Also quasi durch die Frage an sich selbst „ist meine Einschätzung, ist mein Han­deln richtig – ist meine Entscheidung nachvollziehbar, kann ich sie im Nach­hinein guten Gewissens vertreten?“

Maßstab für diese eigene Einschätzung kann eine andere Seligpreisung sein, die, die in den vergangenen Jahrzehnten als die politischste verstanden worden ist: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. In ande­ren Übersetzungen lautet die Formulierung „Freuen dürfen sich alle, die Frie­den schaffen.“ Oder: „Glückselig sind die, die Frieden stiften.“ So drückt es die moderne Basisbibel aus.

Also, etwas anders, als der Text in der Lesung vermuten lässt, sind nicht die von Jesus gelobt worden, die einfach nur friedlich abwarten, was geschehen möge, sondern das Stiften oder Schaffen des Friedens ist schon mehr als nur Passivi­tät. Handeln wird erwartet, aktives Tun, Einmischen statt um des lieben Frie­dens willen Wegschauen.

Stimmt, liebe Gemeinde, das ist ja wohl der politischste Teil der Seligpreisung, obwohl leider die Ausführungen Jesu zur Verfolgung derer, die ihm nachfolgen, heute wieder eine hohe Aktualität erhalten, wenn ich mir die Christenverfol­gungen im Nahen Osten, in Afrika und Asien bis hin zu China und Nordkorea an­schaue. Aber das wäre vielleicht das Thema für eine weitere Predigt.

Ich will zurückkommen zum Frieden schaffen und verstehe diese Aufforderung ganz anders, als sie friedensbewegt in den 80er Jahren im Zusammenhang mit Nato-Nachrüstung und Konfrontation der Blöcke verstanden wurde. Ich will auch nicht auf die Frage eingehen, wie umfangreich der Auftrag zum Frieden stiften täglich für jeden einzelnen ist, in der Familie, der Partnerschaft, am Arbeitsplatz, im Sportverein, in der Schule oder manchmal sogar bei einem Konflikt in einer Kirchengemeinde.

Nein, mir geht es um den Frieden des Zusammenlebens aktuell in diesen Zei­ten, die sich leider doch manchmal aufzuheizen scheinen - und es tut mir leid, auch wenn der eine oder andere es nicht mehr hören mag, aber auch ich komme in dieser Predigt nicht daran vorbei, das Stichwort Flüchtlingsproblema­tik aufzunehmen.

An Friedfertigkeit lassen es inzwischen nicht mehr nur Menschen bei uns im Land mangeln, sondern dieser Handlungsauftrag, der ja auch im Sinne von ge­meinsam handeln, kooperieren und zusammen agieren zu verstehen ist, scheint auch zwischen den Ländern der Europäischen Union verloren zu gehen.

Christen und Atheisten konnten in Deutschland und Europa die letzten 70 bzw. 25 Jahre in großer Freiheit und Sicherheit leben. Sie mussten sich weder vor Verfolgung fürchten, noch vor Hunger und Verelendung. Anders als viele Chris­ten und Nicht-Christen in der übrigen Welt. Wir haben uns an ein Leben mit be­herrschbaren Problemen gewöhnt und halten es inzwischen für selbstverständ­lich, dass alles so bleibt. Ohne dass wir bemerkt haben bzw. bemerken wollten, dass dieses Glück und dieser Reichtum oftmals zu Lasten anderer Menschen und unserer Ökologie herbeigeführt worden ist.

Beim Thema Klimawandel dämmert es uns langsam, dass wir mehr verbraucht haben, als gut ist, um unser Leben zu leben. Bei dem anderen Aspekt, nämlich dass unsere Nachkriegs-Lebensform auch durch Stellvertreterkriege an anderen Orten, durch eine Ohnmacht der Vereinten Nationen, durch außenpolitische Zurückhaltung, durch postkoloniale Folgen für Afrika, durch Fehler in der Entwicklungshilfe und durch Ausbeutung von vielen Arbeitskräften in der soge­nannten 3. Welt ermöglicht wird, erwischen uns die Folgen gerade durch einen Flüchtlingsstrom und Bilder, die vor ein, zwei Jahren keiner von uns für möglich gehalten hätte.

Und wie reagieren einige in unserem Land? Sie tragen Kreuze durch Leipzig, Dresden und andere Orte und wollen das christliche Abendland verteidigen. Oh Gott, würden sie doch lieber mal das christliche Abendland und die Werte von Reformation und Aufklärung verstehen. Vielleicht würde auch eine Lektüre der Grundlage des christlichen Wertefundaments, der Bibel, gut tun. Ich empfehle die Seligpreisungen bei Matthäus im 5. Kapitel. Und dann gibt es sogar die, die Hass und Gewalt propagieren oder gar Häuser anstecken.

Ihnen müssen wir entgegentreten, das ist eine aktuelle Handlungsmaxime aus den Seligpreisungen: FRIEDEN STIFTEN!

Wer ist dazu nicht besser berufen als engagierte Christinnen und Christen in dem Land, in dem einst Salzburger Glaubensflüchtlinge und Hugenotten eine neue Heimat fanden?

Nun werden einige sagen, das ist doch nicht vergleichbar. Damals kamen Protestanten, die in einem protestantischen Land Zuflucht fanden, jetzt kom­men Flüchtlinge, die eine ganz andere Religion haben. Das stimmt schon, aber ich empfehle mal einen Blick in ein Geschichtsbuch, denn auch die Flüchtlinge vor 300 Jahren waren alles andere als beliebt und die Unterschiede zwischen Lutheranern und Calvinisten waren heftig und es hat lange gebraucht, bis wir Protestanten einig wurden.

Jetzt ist es erforderlich, dass wir denen, die vermeintlich das christliche Abend­land verteidigen, deutlich machen, was christliche Werte sind.

Ebenso ist es wichtig, dass wir denen, die dauerhaft bei uns leben werden, zei­gen, was die Werte unserer Gesellschaft sind.

Für beide Aufgaben ist besonders die Kirche geeignet. Ich kann nur dazu aufru­fen, gehen wir stärker als bisher auf Andersgläubige zu. Wir haben viele Jahr­hunderte gebraucht, um zu verstehen, dass sich Katholiken und Protestanten nicht die Köpfe einschlagen dürfen, sondern, dass sie den gleichen Gott haben. Wir Christen haben Jahrhunderte gebraucht zu verstehen, dass Juden nicht ver­folgt oder ausgegrenzt werden dürfen, sondern, dass wir den gleichen Gott haben.

Ich bin überzeugt, dass wir nicht viel Zeit haben zu erkennen, dass auch Chris­ten, Juden und Moslems einen gleichen Gott haben. Die Zeit schreitet zu schnell voran, als dass wir noch lange zögern dürfen.

Zum Abschluss lassen Sie mich aus Anlass des Reformationstages noch fragen, ob Jesus nicht heute noch eine Seligpreisung hinzufügen würde. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie wie folgt lauten würde: Selig sind die, die fröhlich ihren Glauben leben und kundtun.

Wäre nicht der Reformationstag ein geeigneter Termin, unseren Glauben fröh­lich nach außen zu tragen? Anderen zu zeigen, was Glauben bedeutet und Kir­che leistet? Wir können doch stolz sagen, dass die Reformation die Welt voran gebracht hat, dadurch, dass ein einzelner Mönch die richtigen Fragen gestellt und richtige Antworten formuliert hat.

Es ist nicht meine Aufgabe, die Gemeinde zu kritisieren, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber vielleicht sollten wir mehr machen als „nur“ einen Gottesdienst zum Reformationstag zu feiern. Vielleicht kann am Vorabend des 500. Jubiläums ein fröhliches Fest daraus werden, bei dem die Kirche alle Men­schen einlädt und zeigt, wie vielfältig und lebendig unser Glaube ist. Auch jene, die sie alle von Partys oder Empfängen kennen und die auf die Frage, sind sie evangelisch oder katholisch antworten „nein, nein, das bin ich beides nicht“, gleichsam als wenn sie einem sagen wollen, keine schwere Krankheit zu haben. Lassen sie uns dieser gesellschaftlichen säkularen Tendenz engagiert entgegen treten, denn selig sind die, die fröhlich ihren Glauben leben und kundtun.

Aber vergessen sie dabei nicht die 44. These Luthers: Denn durch das Werk der Liebe wächst die Liebe und der Mensch wird besser.

Mit dieser Bitte wünsche ich Ihnen einen gesegneten Reformationsabend!

 

 

 

 

 

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